Jump to content
22.5.2006 Ratgeber / Rekrutierung / Trends & Themen

Der Mensch zählt - nicht die Maschine

Seite 1 von 1

Würde ein Unternehmen nur Online-Formulare für Bewerbungen zulassen, hätte das große Effizienzvorteile. Dennoch setzen viele Firmen weiterhin auf alle Bewerbungskanäle. [08.05.2006]





Die Mehrzahl der Unternehmen hält gegenwärtig eine Vielzahl von Bewerbungskanälen offen: E-Mail, Online-Formular auf der Karriere-Website des Unternehmens, Formular der Internet-Stellenbörse und die postalische Bewerbung. Dieses Nebeneinander lässt Medienbrüche erwarten und führt zu administrativem Mehraufwand. Gibt es einen Königsweg für das Recruiting? Welcher Bewerbungskanal wird sich auf Dauer durchsetzen? Und wird die Bewerbungsmappe aus Papier bald der Vergangenheit angehören?

Der Digitalisierungsgrad des Bewerbermanagements ist von mehreren Faktoren abhängig - beispielsweise von der Größe des Unternehmens und vom Rekrutierungsbedarf. Diese beiden Faktoren nehmen wiederum Einfluss darauf, ob das Personalmarketing einen eigenständigen Bereich darstellt und Employer Branding einen Stellenwert hat. Auch die aus Bewerbersicht vermeintliche Attraktivität eines Arbeitgebers beeinflusst den Digitalisierungsgrad. "Es gibt große Konzerne, die bekommen pro Jahr mehr Bewerbungen als sie Mitarbeiter haben. Der effizienteste Weg für diese Unternehmen ist die Bewerbung per Online-Formular", sagt Professor Wolfgang Jäger, Experte von der Fachhochschule Wiesbaden.

Elektronisches Bewerbermanagement

Über die genaue Anzahl der eingehenden Bewerbungen wahrt die Metro Group Stillschweigen, aber die große Menge rechtfertigt ein webbasiertes System, das Online-, E-Mail als auch Printbewerbungen verwaltet. "Insbesondere Online-Bewerbungen werden unsererseits sehr positiv aufgenommen. Sie zeigen die Aufgeschlossenheit der Bewerber gegenüber den neuen Medien, die bei der Metro Group eine große Rolle spielen. Online-Bewerbungen ermöglichen zudem eine schnelle Bearbeitung durch den Einsatz moderner elektronischer Bewerbermanagement-Systeme", erläutert Metro-Sprecher Albrecht von Truchseß.

Das gesamte Bewerbermanagement werde mittlerweile in fast allen Gesellschaften der Metro Group über ein modernes System abgewickelt. Zugang zu diesem Programm erhält der Bewerber über die Internetseite. Benutzerfreundliche Eingabeformulare, die intuitiv zu bedienen sind, unterstützen ihn. Das System kann auch Initiativbewerbungen entgegen nehmen. Diese Bewerberprofile werden an die entsprechenden Gesellschaften weitergeleitet - unabhängig davon, für welche Vertriebsmarke oder Tochterunternehmen die Anfrage erfolgte. "So können die Bewerber-Ressourcen in der stark dezentralisierten Metro Group besser genutzt und die Chancen der qualifizierten Bewerber wesentlich verbessert werden", erläutert Truchseß.

Dass keine Papierberge mehr entstehen und keine Archivierungsprobleme auftreten, sei ein weiterer großer Vorteil des Systems: eingehende Papierbewerbungen werden eingescannt und die Unterlagen gehen umgehend an den Bewerber zurück. Derzeit würden etwa zwei Drittel der Bewerber das System nutzen und sich online bewerben.

Ambivalente Trends

Als "Regelbetrieb", sagt Professor Jäger, setzen nur sehr wenige große Unternehmen ausschließlich auf das datenbankgestützte Online-Formular. Der Trend gehe zwar eindeutig in Richtung E-Recruiting, aber auch große Unternehmen schließen den Postweg nicht aus. Die Metro Group ist ein gutes Beispiel dafür: "Wir möchten dem Bewerber auch in Zukunft den Freiraum lassen, sich für einen der möglichen Kanäle selbst zu entscheiden. Unser System ist in der Lage, alle Formen von Bewerbungen zu verwalten", sagt Truchseß.

Mittlere und kleine Unternehmen setzen häufig mehr auf Masse. Deshalb stützen sie sich nicht auf den rein elektronischen Bewerbungsweg, wie IFM Electronic aus Essen, einem Unternehmen für Sensorik, Kommunikations- und Steuerungssysteme. Wolfgang Heikamp, Personalleiter der IFM Electronic, bestätigt: "Wir werden auf absehbare Zeit alle Kanäle offen halten, da wir bei den Bewerbern noch nicht so bekannt sind. Je höher das formale Bildungsniveau, desto eher kommen die Bewerbungen per Online-Formular oder E-Mail, aber wir bekommen auch noch handschriftliche Bewerbungen." Nach seiner Erfahrung nutzen Stellensuchende nur ungern das Online-Formular, da die E-Mail-Bewerbung weniger aufwändig sei.

Bewerberängste

Während sich in den letzten Jahren bei IFM Electronic mehr als 50 Prozent der Stellensuchenden online beworben haben, beobachtet Heikamp in diesem Jahr eine Umkehr. Bislang kamen nur ein Fünftel der Bewerbungen über den digitalen Weg, die anderen über den konventionellen Postweg. "Die Bewerber haben subjektiv das Gefühl, dass sie in einer Flut von Bewerbungen untergehen. Deshalb wollen sie sich mit einer individuellen Bewerbermappe hervorheben. Manche sind kurios, manche fallen negativ auf. Entscheidend ist nicht die äußere Form, aber wenn die Form zufällig gefällt, fachliche und weitere Komponenten übereinstimmen, dann sind die Chancen genauso gut. "Seine Vermutung: Die Bewerber misstrauen der elektronischen Vorauswahl, die beispielsweise formale Kriterien überprüft wie Studienrichtung und Auslandaufenthalte. Dass der Differenzierungsvorteil schwindet, da individuelle Bewerbungsmappen letztlich auch sehr ähnlich aussehen, bedenken Stellensuchende nicht.

Und ihr konservatives Bewerbungsverhalten wird indirekt auch von Personalverantwortlichen unterstützt, bekräftigt Professor Jäger: Viele bevorzugen die greifbare Papiermappe in der Hand. Mit ihr zu arbeiten sei Entscheidern häufig wesentlich angenehmer, als auf dem Monitor einen Abgleich vorzunehmen. Ein Grund könnte darin liegen, dass auch Personaler sich nicht ganz der Technik "ausliefern" wollen. Jürgen Post, Leiter Personalmarketing und Führungskräfte bei Bosch Rexroth Deutschland, sagt: "Eine Vorgehensweise, die sich ausschließlich auf die Technik verlässt, vergibt auch Chancen beim Identifizieren der geeigneten Mitarbeiter."

Individuelle Prüfung trotz Technik

Bei der Bosch Rexroth AG gehen jährlich cirka 21.000 Bewerbungen ein - bislang per E-Mail oder Post. Verwaltet werden sie über dezentrale Bewerbermanagementsysteme, die in einigen Monaten durch ein einheitliches System abgelöst werden. "Die Umstellung auf digitale Bewerbungsprozesse und die Abkehr von der Bearbeitung von Papierbewerbungen löst bei einigen Bewerbern Unbehagen aus. Wir werden deshalb für die Kandidaten den digitalen Bewerbungsprozess so transparent wie möglich gestalten. Natürlich ist es für den Rekrutierungsablauf effizienter, wenn die Bewerbungen alle über das Online-Formular eingehen. Andererseits steht aber immer noch der Mensch und nicht die Maschine im Vordergrund, so dass wir alle Kanäle offen halten." Postalische Unterlagen sollen eingescannt und zurückgesendet werden. Jürgen Post betont, dass man sich trotz eines zentralen Bewerbermanagementsystems nicht auf eine mechanistische Prüfung der Unterlagen verlassen wolle. Ob jemand unabhängig von den formalen Anforderungskriterien in das Unternehmen passe oder nicht, würde immer eine individuelle Prüfung erfordern.

Fazit: Digitale Bewerbungskanäle und Bewerbermanagementsysteme schließen die traditionelle Briefbewerbung nicht aus. Die Technik ermöglicht, dass auch diese Unterlagen elektronisch erfasst werden. Aber nicht nur aus diesem Grund wird der Postkanal auf absehbare Zeit wohl nicht geschlossen. In Zeiten, in denen viele Unternehmen wieder den "War for talents" fürchten, lassen sie gezielt alle Wege offen. Denn ein potenzieller Mitarbeiter könnte ideal zu einer Position ins Unternehmen passen, auch wenn er zur "veralteten" Bewerbungsmappe greift.

(Christiane Siemann / Bild: dpa)