Ingenieure als Berater
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Nicht alle Ingenieure bevorzugen die klassischen, technischen Arbeitsfelder wie Konstruktion oder Entwicklung und Forschung. Auch in der Unternehmensberatung sind die Fachkräfte gern gesehene Quereinsteiger. [07.08.2006]
"Nach dem Studium zog es mich in die Beratung. Besonders reizvoll fand ich dabei die Möglichkeit, in relativ kurzer Zeit unterschiedliche Unternehmen und Problemstellungen kennen zu lernen", berichtet Michael Schallehn, 32 Jahre, der als Diplom-Ingenieur promovierte und sein Berufsleben bei der Unternehmensberatung Bain & Company begann. Zudem wusste er einen weiteren Vorzug seiner Berufswahl als Consultant zu schätzen: "Die Tätigkeit in der Beratung bot mir die ideale Gelegenheit, gezielt betriebswirtschaftliche Kenntnisse im beruflichen Kontext zu vertiefen - viel schneller und effektiver als es beispielsweise durch ein Ergänzungsstudium möglich gewesen wäre." Dass die Arbeit als Berater auch Ingenieuren gute Entwicklungschancen und spannende Aufgaben bietet, scheint bei den Studierenden angekommen zu sein. Immerhin strebt ein gutes Fünftel des akademischen Ingenieurnachwuchses als späteres Berufsziel die Beratung an. Das ermittelte der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in einer Studie.
Chancen bieten sich zu genüge. Denn der Beratungsmarkt ist groß: Mehr als 10.000 Unternehmensberatungen existieren in Deutschland - vom Ein-Mann-Betrieb bis zum weltweit operierenden Konzern. Dabei fällt knapp die Hälfte des Gesamtumsatzes auf die 20 größten Gesellschaften, bei denen rund 23.000 Berater arbeiten. Aber auch die mittelgroßen Consulting-Firmen treten als Arbeitgeber auf: hier sind laut Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) rund 21.000 Berater beschäftigt.
Berater sind Problemlöser
Wie sieht das Aufgabenfeld aus? Externe Berater sind Problemlöser. Unternehmen engagieren diese Experten zum Beispiel im Bereich Organisation, Strategie, IT-Prozesse, Innovation, Produktion und Fertigung. Der Vorteil für Unternehmen liegt vor allen Dingen darin, dass diese Berater mit einer Außensicht das Unternehmen analysieren und auf diese Weise ohne Betriebsblindheit Problemlösungen erarbeiten können. Der Beratermarkt bietet interessante Karriereperspektiven für Ingenieure in zwei Sparten, nämlich der Strategie-Beratung und der umsetzungsorientierten Prozessberatung.
In der Strategie-Beratung unterstützen Berater Unternehmen dabei, Wettbewerbsvorteile zu erkennen, Kosteneinsparungen zu realisieren oder Markt- und Kundenausrichtung zu optimieren. Arbeitgeber sind die klassischen Beratungsunternehmen, deren Kunden aus dem Dienstleistungsbereich oder aus den technischen Branchen wie dem Maschinenbau und der Automobilindustrie kommen. Hier sind Ingenieure mit ihrem fachlichen Hintergrund die richtigen Ansprechpartner. Gleiches gilt für Beratungsunternehmen, die Prozess- und Operationsconsulting in den Mittelpunkt stellen. Hier beschäftigen sich die Berater mit allen Phasen der Wertschöpfungskette, wie Einkauf, Produktion, Instandhaltung und Logistik. Die Kunden kommen zum überwiegenden Teil aus der Industrie.
Strategie-Beratung: Berufseinseiger willkommen
In den Strategie-Beratungen sind Berufseinsteiger sehr willkommen. "Jede ingenieurwissenschaftliche Fachrichtung ist gerne gesehen, vorausgesetzt die Bewerber bringen wirtschaftliches Interesse mit. Wir suchen nicht die Ingenieure, die sich gerne im Labor einschließen, sondern die mit der Begabung, auf Menschen zugehen zu können und im Team zu arbeiten", erläutert Mareike Willimsky, Leiterin Recruiting bei der Unternehmensberatung Bain & Company, München. Auch erste Auslandserfahrungen - beispielsweise aus einem Praktikum - werden gerne gesehen.
Dass die Auswahlprozesse für potenzielle Berater eine besondere Herausforderung für die Bewerber darstellen, lassen die Rekrutierungsveranstaltungen großer Beratungsunternehmen erahnen. "Segeln im Mittelmeer" oder "Kletterkurse in den Alpen" sollen zum einen Kandidaten locken, zum anderen dabei helfen, den passenden Mitarbeiter zu selektieren. Auf dem Prüfstand stehen dabei Teamfähigkeit ebenso wie Durchsetzungsvermögen. Auch wenn Unternehmensberatungen keine großen Events veranstalten, so ist der Bewerbungsprozess bei allen Firmen sehr anspruchsvoll und mehrstufig. "Wir führen mit jedem Bewerber mindestens drei Interviews. In diesen Gesprächen wird unter anderem anhand von Fallstudien das analytische und strukturelle Denken geprüft. Außerdem erwarten wir intellektuelle Neugierde, Spaß an der Problemlösung und Interesse daran, den technischen Background in wirtschaftliche Zusammenhänge einzubringen", ergänzt Mareike Willimsky.
Prozess- und Operations-Consulting: erfahrene Ingenieure gesucht
In den Beratungsunternehmen mit dem Schwerpunkt Prozess- und Operations-Consulting sind vor allen Dingen Ingenieure mit Berufserfahrung gefragt. "Die Ingenieure müssen über einen sehr guten Hochschulabschluss sowie eine profunde Umsetzungskompetenz verfügen", erläutert Professor Andreas R. Voegele, Geschäftsführer der Con Moto Consulting Group. Um beispielsweise im Kundenauftrag eine unternehmensweite Logistikstruktur oder einen weltweiten Produktionsverbund zu optimieren, ist es erforderlich, dass potenzielle Mitarbeiter ein umfangreiches technisches Know-how und Industrieerfahrung vorweisen können.
Von zentraler Wichtigkeit sei aber auch die Dienstleistungsbereitschaft. Als Berater müsse man in erster Linie dienen und die persönlichen Interessen zurückstellen können. Wirtschaftsingenieure werden bevorzugt gesucht, aber auch Maschinenbau- und Elektroingenieure kommen verstärkt zum Einsatz. "Der Bedarf an erfolgreichen, berufserfahrenen Ingenieuren ist groß. Der Arbeitsmarkt verfügt jedoch nicht über so viele geeignete und gut ausgebildete Ingenieure, wie wir einstellen könnten", betont Voegele.
Karriere-Prinzip: Up or Out
Der Karriereweg in Beratungsunternehmen funktioniert nach dem Prinzip "Up or Out". Wer sich bewährt, kommt weiter, wer die Leistungskriterien nicht erfüllt, verlässt das Unternehmen. Alle zwei bis drei Jahre wird über die weitere Laufbahn entschieden. Die Anforderungen sind hoch: lange Arbeitstage und wechselnde Einsatzorte im In-und Ausland erfordern Flexibilität und Mobilität. Dafür sind die Karriereperspektiven erstklassig, weiß Dr. Ulrike Schönig von Unternehmensberatung Pro Lean Consulting, Düsseldorf: "Wer sich bewährt, kann sowohl Partner werden oder in eine leitenden Position in der Industrie wechseln. Der Arbeitplatz ist ein gutes Sprungbrett für die Karriere, da man viele Methoden erlernt und Einblicke in verschiedene Unternehmen bekommt."
Noch vor einigen Jahren - zu Zeiten des Internet-Booms im Jahr 2000 - wurden Berufseinsteiger von den Unternehmensberatungen mit sechsstelligen Gehältern gelockt. Inzwischen hat sich das Gehaltsniveau normalisiert, betont Klaus Reiners vom BDU:"Die Einstiegsgehälter für Berufseinsteiger bewegen sich in der Managementberatung zwischen 40.000 und 55.000 Euro und im IT-Consulting zwischen 35.000 und 45.000 Euro. Grundsätzlich lässt sich sagen: Bringen die Newcomer bereits Projekt-Know-how mit - beispielsweise aus der Mitarbeit in studentischen Unternehmensberatungen - oder internationale Erfahrungen plus überdurchschnittliche Sprachkenntnisse, verbessert dies die Aussichten auf ein Top-Einstiegsgehalt erheblich."
(Christiane Siemann / Bild: PhotoDisc)

